10 Jahre Lichtinghagen – die Anklägerin im Machtkampf der Bulldozer

Wer hatte die Medien im Februar 2008 vorab über den Durchsuchungstermin bei dem damaligen Postchef Klaus Zumwinkel informiert, gegen den wegen Steuerhinterziehung ermittelt wurde? War die Aufmerksamkeit der Medien von der zuständigen Staatsanwältin Margrit Lichtenhagen erwünscht oder war dies ein Versuch von internen Gegnern ihres Kurses, um ein hartes Urteil gegen Zumwinkel zu verhindern? Handelte Frau Lichtinghagen aus Geltungssucht oder verfolgte sie gnadenlos –  als überzeugte Kämpferin für die Mittellosen –  die dem Gemeinwohl schadenden Steuersünder? Wurde sie deswegen zum Opfer einer Intrige? Sollte eine zu tüchtige Staatsanwältin zu Fall gebracht werden, die sich im Filz der Politik zu weit hinausgelehnt hatte? Vergab Frau Lichtinghagen unter Absprache mit den Weisungsbefugten aus dem Justizministerium oder eher eigenmächtig Bußgelder an Institutionen, in denen auch Freunde, Bekannte und Verwandte von den Zuweisungen profitierten?

Im Jahr 2014 stellte sich die ehemalige Staatsanwältin in einem Zeit-Artikel als Opfer dar.

 

https://www.zeit.de/2014/07/steuerfahnder-finanzbeamte/komplettansicht

…“Im Laufe der Jahre konnte durch unsere Arbeit mehr als eine Milliarde Euro an Steuern zurückgefordert werden. Doch der Fall des ehemaligen Postchefs Zumwinkel wurde mir zum Verhängnis. Jemand hatte unseren Durchsuchungstermin an die Presse durchgestochen, und als ich mit Zumwinkel aus dessen Villa trat, lauerten die Kamerateams schon an der Gartenpforte. Plötzlich war mein Gesicht bundesweit bekannt – ich war jetzt die Jeanne d’Arc aus Bochum, die härteste Steuerfahnderin der Republik. Heute bearbeite ich als Richterin Verkehrsdelikte, Fälle von Diebstahl und fahrlässiger Tötung. Aber noch immer sprechen mich Menschen auf dem Bahnsteig an: ›Haben Sie toll gemacht, danke für Ihren Mut.‹

Ob Staatsanwälte oder Steuerfahnder, die spektakuläre Fälle bearbeiteten – kaum einer der entsprechenden Beamten kam ungeschoren davon… Die Verfahrensmuster ähneln sich: Es werden Disziplinarverfahren angestrengt, anonyme Anzeigen mit haltlosen Vorwürfen erreichen die Behörde, einzelne Personen werden isoliert und am Ausüben ihrer Arbeit massiv behindert.

Im Nachhinein denke ich, ich hätte Anzeige erstatten sollen. Sämtliche Verdächtigungen gegen mich, wie etwa die, ich hätte Akten zurückgehalten, erwiesen sich als üble Nachrede oder ausgeklügelte Lügen. Eine Untersuchung des Düsseldorfer Justizministeriums kam zu dem Ergebnis: Nichts von alledem war haltbar. Doch weder wurde dies der Öffentlichkeit kundgetan, noch leitete man Ermittlungen ein, um die Täter zu bestrafen.

Als mir klar wurde, dass man mithilfe der Presse sogar meine Kinder in die Sache hineinzog, bat ich um Versetzung ans Amtsgericht. Warum mir das Ganze passiert ist, begreife ich immer noch nicht. Ich habe nur sehr gründlich meinen Job gemacht. Doch wenn Sie prominente Fälle bearbeiten, brauchen Sie auch prominente Rückendeckung.“

Margrit Lichtinghagen, ehemalige Staatsanwältin in Bochum, heute Amtsrichterin in Essen…

 

Die Unterstellung, Lichtinghagen habe Akten zurückgehalten, macht in Anbetracht ihres Verfolgungswillens keinerlei Sinn. Anders sieht es mit ihrer Praktik der Bußgelder-Vergabe aus – auch wenn man dazu entlastend feststellen muss, dass derartige Geldausschüttungen allem Anschein nach oft dem Weg des „Vitamin-B.’s“ folgen. Die Tatsache, dass Frau Lichtinghagens Tochter an der von ihr durch Bußgelder geförderten Privat-Uni Witten studiert hat, stellt für sich noch kein Fehlverhalten dar. Man unterstützt, was man als gut empfindet. Bußgelder müssten grundsätzlich durch unabhängige Kommissionen vergeben werden, und auch dann sind private Vorteilnahmen nicht ganz auszuschließen.

Als Staatsanwältin wie als Richterin hat sich Frau Lichtenhagen einige Feinde gemacht. Auch heute finden sich gelegentlich noch Beschuldigungen im Internet, die sich gegen ihre Vorgehensweisen in der Grauzone und ihre charakterlichen Eigenschaften richten. So soll sie um 2004 als Staatsanwältin Microsoft zu hohen Entschädigungszahlungen verholfen und Druck auf Gefangene in Untersuchungshaft ausgeübt haben. Ihre Entscheidungen als Richterin zur Untersuchungshaft eines psychisch auffälligen Marokkaners im Jahr 2014 können zumindest als fragwürdig bewertet werden, auch wenn sich die Hintergründe aufgrund fehlender Informationen nicht ganz beurteilen lassen.

Margrit Lichtinghagen kritisierte 2014 das NRW-Justizministerium, ihre angeblich erwiesene Unschuld nicht öffentlich gemacht und die Verleumder nicht juristisch verfolgt zu haben. Dieser Vorstoß erfolgte jedoch erst zu dem Zeitpunkt, als ihre ehemaligen Dienstvorgesetzten von der Staatsanwaltschaft Bochum Bernd Schulte und Hans-Ulrich Krück in den Ruhestand geschickt worden waren. Auch lieferte Frau Lichtinghagen keine Begründung für ihre Entscheidung, bis heute keine Anzeige erstattet zu haben.

Warum hatte sie die Öffentlichkeit nicht umgehend über die Einstellung der gegen sie laufenden Verfahren in Kenntnis gesetzt? Handelte es sich um eine Einstellung aus Mangel an Beweisen, wegen erwiesener Unschuld oder etwa als Folge eines Deals für ihre Bereitschaft, sich als Richterin an das Amtsgericht Essen versetzen zu lassen? Das Nachtreten fünf Jahre später halte ich jedenfalls für wenig überzeugend.

Wäre es denkbar, dass Frau Lichtinghagen – in Anbetracht ihrer baldigen Pensionierung – den Kampf um eine vollständige Rehabilitierung mit zehnjähriger Verzögerung doch noch aufzunehmen könnte?

Wahrscheinlich bleibt es eher bei ihren zaghaften Andeutungen aus dem Jahr 2014, denn eine Aufklärung ihres Sturzes ist unerwünscht – für beide Seiten. Nichts schadet dem Ansehen der Justiz mehr als der Kampf gegen das Vergessen von Staatsunrecht.

Zumwinkel jedenfalls fiel äußerst weich. Einer Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von einer Million Euro folgten Pensionszahlungen in der Höhe von 20 Millionen Euro. Der Manager verließ Deutschland Richtung London, dem Paradies für die Reichen, Erfolgreichen und Einflussreichen dieser Welt.

Eines steht außer Frage: Magrit Lichtinghagen kochte Steuersünder durch die Untersuchungshaft weich und erzwang auf diese Weise Deals mit dem Ziel, Millionen in die Staatskasse zu spülen.

In den folgenden Zitaten aus einem Spiegel-Artikel von 2009 wird deutlich, welche Motivation Frau Lichtinghagen wohl antrieb und warum sie im Jahr 2008 abgesägt wurde.

 

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-63546786.html

12.01.2009

Ihre Gegner, und das sind vor allem Bernd Schulte, der Leiter der Bochumer Staatsanwaltschaft, und sein Stellvertreter Krück, sehen das anders: dass sie Lichtinghagen aus der Abteilung herausnehmen mussten, trotz Zumwinkel-Prozess, trotz der öffentlichen Erregung, den dieser Schritt auslösen würde. Weil es nicht mehr ging mit dieser Frau und ihrem Misstrauen gegen die eigenen Chefs. Mit ihren Eigenheiten und Eigensinnigkeiten, die für ihre Hausspitze immer mehr in selbstherrlichen Alleingängen mündeten…

Allerdings brauchte sie dafür Rückendeckung, und die gab ihr in Bochum ausgerechnet ein Mann, der ihr in den vergangenen Wochen den Rücken zugekehrt hat: Manfred Proyer, bis 2001 Behördenleiter in Bochum, seitdem Generalstaatsanwalt in Hamm… In Bochum aber trug er damals die neue Linie mit, die zur Linie Lichtinghagen wurde: große Wirtschaftsverfahren nach Bochum zu ziehen und sie, besonders wenn es um Steuersachen ging, mit hohen Geldbußen statt Knast abzuschließen…

Lichtinghagen stand bald im Ruf, nicht sehr zimperlich zu sein, wenn es um Untersuchungshaft ging. Empfahl Beschuldigten schon mal, zur Vernehmung „besser die Zahnbürste gleich mitzubringen“. Kommentierte Verhaftungen flapsig mit: „Rumpel, Pumpel, weg ist der Kumpel.“

Für den Düsseldorfer Strafverteidiger Sven Thomas schmeckte das immer stark nach „Beugehaft“… Allein die Batliner-Fälle brachten so rund 95 Millionen Euro. Für die Staatskasse, aber auch für gemeinnützige Organisationen – zu verteilen nach Gusto der Ankläger oder, wenn es mal zu einem Prozess kam, durch Entscheidung des Gerichts.

Man kann das sicher eine Grauzone nennen: die gewollte Zuständigkeit, der Überdruck durch U-Haft, der Deal „Kohle statt Knast“. Und natürlich die Robin-Hood-Manier, mit der den Reichen genommen, den Armen gegeben wurde. Das System Bochum eben… Auch 1999, als sich der frühere Bonner Oberstadtdirektor Dieter Diekmann in seiner U-Haft-Zelle erhängte, als Lichtinghagen sich danach fragte, was sie eigentlich taten und ob sie nicht zu weit gingen. Proyer tröstete sie, schützte sie und dieses System, das den Ruf von Bochum als beste, härteste, schnellste Staatsanwaltschaft Deutschlands begründete…

2001 ging Proyer nach Hamm. Schulte kam als Nachfolger, Krück als neuer Leiter der Abteilung 35, jetzt begannen die Dinge für Lichtinghagen schwerer, aufreibender zu werden…

Er hat es auch sicher nicht leicht mit ihr. Manche nennen sie „kompromisslos“, andere „überheblich und stur“. Ein Steuerfahnder, einer von denen, die sie verehren, sagt: „Sie kennt nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, hat keinerlei diplomatisches Gespür.“ … 2005 der erste Knall. Lichtinghagen bekam eine Einladung zu einer Expertenrunde in Frankfurt, Thema: Software-Piraterie. Sie hatte gerade erfolgreich ein Verfahren abgeschlossen, das sich um gefälschte Microsoft-Programme drehte…

Von Jürgen Dahlkamp, Barbara Schmid und Jörg Schmitt

 

Es ging Frau Lichtinghagen also keineswegs um lange Haftstrafen für die Steuersünder. Ob das Motto „Kohle statt Knast“ für alle galt, ist nicht bekannt, und ob diese Art von Deals Gerechtigkeit schafft im Vergleich zu den Verurteilungen von kleinen Ladendieben und Schwarzfahrern, die oft für wenige Euro Schaden monatelange Ersatzfreiheitsstrafen verbüßen müssen, bleibt stark zu bezweifeln. Der von Lichtinghagen angeklagte Microsoft-Lizenzen-Fälscher soll zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden sein, da Microsoft den geschätzten Schaden auf 4,5 Millionen Euro bezifferte. Ob solch ein Urteil im Verhältnis steht zur Absolution für Bares für die großen Steuersünder, bleibt ebenfalls fraglich.

Den Heiligenschein verdient ein derart überheblicher und willkürlicher Umgang mit der Macht ohnehin nicht. Unrechtsmethoden können – auch im Einsatz gegen Rechtsbrecher – niemals Gerechtigkeit schaffen. Und Recht ohne Gerechtigkeit ist nichts anderes als eine besonders perfide Form von Unrecht.

Hinter dem System Bochum standen nicht nur Margrit  Lichtinghagen, sondern auch die Landesregierung und natürlich die verantwortliche Leitung der Bochumer Staatsanwaltschaft, die den Ruhm für die abgerungenen Millionen einheimste.

Hat der öffentlich ausgetragene Konflikt um Frau Lichtinghagen dem Ansehen der Justiz geschadet?

Ansehen wie Schönheit liegen im Auge des Betrachters.

Jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft Bochum der Öffentlichkeit auf ganz unmissverständliche Art und Weise demonstriert, auf welchem Niveau und mit welchen Mitteln Machtkämpfe im Behörden-Milieu ausgetragen werden.

 

Der Machtkampf mit vorgesetzten Rindviechern

Wenn du ihnen nicht ausweichst, machen sie dich platt,

aber wenn du keine Furcht zeigst, bleiben sie stehen,

wenn du standhaft bleibst, laufen sie neben dir weiter,

doch wenn du ihnen den Rücken zukehrst, dann drehen sie um.   

 

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